Schnelldurchlauf durch den Nordwesten Argentinies

Für die 10-stündige Busfahrt von Resistencia nach Cordoba hatten wir uns bewusst eine bessere Klasse ausgesucht: Cama con Servicio, sprich sehr weit zurücklehnbare Sitze mit Abendessen und Frühstück. Für die Tickets hatten wir sogar ohne größere Probleme einen Studentenrabatt bekommen, denn die Frau am Schalter von „Crucero del Norte“ fühlte sich durch uns an ihre deutschen Wurzeln erinnert und verfiel in einen längeren, nostalgischen Vortrag. Bevor wir uns jedoch in die gemütlichen Sitze kuscheln konnten hieß es warten, denn der Bus fuhr erst um 22.30 ab. Doch glücklicherweise hatten wir einen guten Zeitvertreib denn auf den Fernsehern der verschiedenen Busbahnhofrestaurants lief das Gruppenspiel Argentinien gegen Costa Rica ( das Argentinien übrigens mit 3:0 gewann).

Pünktlich um 22.30 Uhr fuhr unser Bus mit Ziel Cordoba durch die Tore des Busbahnhofs, das Abendessen wurde serviert und wir schlummerten bald in unseren Sitzen. Nach etwas mehr als 10 Stunden kamen wir in Cordoba an und befragten die Touriinfo nach dem besten Weg in unser Hostal. Busse fuhren keine, zum Laufen sei es etwas zu weit und das Taxi würde uns nur etwa 10 Pesos (~1,90€) kosten. Letztendlich kostete es 15 Pesos aber da das immernoch unter 3€ waren beschwerten wir uns nicht und klingelten an der Tür des Hostals, die sich auch sofort öffnete. Eine halbe Stunde später fanden wir uns in unseren Betten im 5er-Dorm wieder um ein bißchen Schlaf nachzuholen, denn so eine Nachtfahrt kann noch so gemütlich sein, genügend Schlaf bekommt man nie. Ausserdem hatte sich Laras 6-Tage-Bauchweh inzwischen in Husten umgewandelt und auch Chris schniefte ein wenig vor sich hin.

Später am Tag begaben wir uns in die Innenstadt Cordobas und schlenderten durch die Straßen und Einkaufszentren – bis Chris an den ganzen Argentinien-Trikots nicht mehr vorbeilaufen konnte und wir eines für umgerechnet 65€ erstanden. Das hatte unsere Reserven schon wieder erschöpft und wir verbrachten den Rest des Tages mit unseren Büchern und vor dem Fernseher wo die verschiedenen Fußballspiele übertragen wurden. Noch ahnten wir nicht wie gut es war, dass wir genügend Energie tankten denn die Nacht wurde zum Desaster. Wir teilten unser Zimmer mit einem Amerikaner und zwei Brasilianern von denen einer sehr beleibt war. Während der Ami friedlich vor sich hinschlummerte schnarchten die zwei Brasilianer um die Wette und als der Dicke dann auch noch sturzbetrunken bei offener Badezimmertür ins Waschbecken pinkelte war es für uns beide genug. Wir zogen uns an und schlichen frühmorgens aus dem Zimmer um nach einem anderen Zimmer zu fragen. Um 11 Uhr durften wir dann tatsächlich in ein 4er-Dorm wechseln, welches wir mit einem sehr schüchternen Ecuadorianer und einer netten Brasilianerin mit mächtigem Koffer teilten.

Ein unerwarteter Kraftschub veranlasste uns dazu an diesem Tag das Museo de la Memoria aufzusuchen und diese Entscheidung erwies sich als exzellent. Das kostenlose Museum befindet sich direkt neben der großen Kathedrale am Plaza San Martin in einem Gebäude, das früher als Gefängnis und Folterzentrum diente. Nachdem Argentiniens Politik in den 60er Jahren sehr instabil und chaotisch war sollte Juan Peron, der beliebte Präsident aus den 50ern und Mann von Evita, zurückkehren und wieder Ordnung schaffen doch er starb nach nur einem Jahr im Präsidentenamt. Er übergab die Macht an seine 3. Ehefrau, Isabel „Isabelita“ Peron, eine ehemalige Nachtclubtänzerin, die mit dieser Situation völlig überfordert war und so nur als Marionette machthungriger Peronisten diente. Es kam, wie es kommen musste: rechte, paramilitärische Gruppen ergriffen die Macht und folterten Regimegegner, die Wirtschaft kollabierte und die Inflation stieg enorm.

1976 kam es dann zu einem Militärputsch der zu einer Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla führte. Die darauffolgende Zeit findet man heute in Geschichtsbüchern unter dem Titel „La Guerra Sucia“ – „Der Dreckige Krieg“. Innerhalb von 2 Jahren verschwanden 30.000 Studenten, Gelehrte und sonstige Regimegegner. Erst später fand man heraus, dass viele dieser „Desaparecidos“ („Verschwundene“) von der Militärjunta verschleppt und lebendig aus Flugzeugen über dem offenen Meer abgeworfen wurden. Bis heute versammeln sich wöchentlich die „Madres de Plaza de Mayo“ vor dem Regierungsgebäude in Buenos Aires um daran zu erinnern wie sie vor über 30 Jahren dort mit Bildern ihrer vermissten Söhne und Töchter aufmaschierten.

Das Museo de la Memoria widmet sich ebenfalls den „Verschwundenen“. In verschiedenen Räumen werden Briefe ausgestellt, die aus dem Gefängnis geschrieben wurden, Klamotten, Bücher und andere Lieblingssachen der Verschleppten zusammen mit deren Geschichte dargestellt. Ein Raum war für uns besonders faszinierend. In diesem lagen auf einem großen Tisch verschiedene Bücher, die Verwandten und Freunde für und über einen der Verschleppten erstellt hatten. Sie erinnerten mit diesen Büchern an das Leben, das diese Person geführt hatte und verarbeiten wohl ihre eigene Trauer damit. Wir verbrachten bestimmt eine Stunde damit, die verschiedenen Bücher durchzublättern und verließen das Museum am Ende sehr gedrückt. Nicht nur Deutschland hat eine dunkle Vergangenheit.

Am Abend stand für uns dann ein Highlight auf dem Programm: Brasilien gegen Ecuador im Copa America. Mit dem Bus fuhren wir direkt vors Stadium und mussten dieses dann einmal umrunden um unseren Eingang zum Stehplatz in der Kategorie „Popular Norte“ zu finden. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass sich bereits eine ultralange Schlange vor dem Eingang gebildet hatte. Wir seufzten und stellten uns brav hinten an. Doch trotz allem fanden wir am Ende noch gute Plätze und da die Zuschauer auch auf den Stehplätzen sitzen wurde es ein sehr gemütliches Spiel. Dies lag natürlich auch an der klaren Überlegenheit von Brasilien, wobei diese ein wenig auf sich warten ließ. Brasilien gewann zwar mit 4:2 doch so wirkliches Weltklasse-Niveau konnten sie uns nicht bieten. Nun ja, sie flogen ja nicht umsonst im Viertelfinale aus dem Tunier.

Klein-Deutschland in Argentinien

Die restliche Zeit in Cordoba verbrachten wir wirklich sehr gemütlich denn unsere Gesundheit nagte noch ein bißchen an uns. Trotzdem ließen wir uns nicht von unserem Plan abbringen, noch eine Nacht in Villa General Belgrano zu verbringen. Villa General Belgrano liegt etwa 2 Stunden von Cordoba entfernt und wurde von Überlebenden des während des 2 WKs gesunkenen deutschen Kampfschiffes „Graf Spee“ gegründet. Laut unserem (von Amerikanern verfassten) Guidebooks sollte es dort echte Spätzle und Schwarzwälder Kirschtorte geben. Wir gaben unser großes Gepäck am Busbhanhof in Cordoba auf und fuhren 2h mit dem Bus in das kleine Örtchen.

Dort angekommen machten wir uns mit unseren kleinen Rucksäcken erstmal auf die Suche nach einer Unterkunft und stellten schnell fest: dieser Ort ist nicht für Backpacker gemacht. Da wir uns in der Nebensaison befanden spazierten wir nach einigem Hin und Her einfach Mal in eines der schicken Hotels hinein und fragten nach dem Preis: 290 Pesos, etwa 53 Euro. „Zu teuer“ murmelten wir uns gegenseitig zu woraufhin der freundliche, ältere Mann auf gebrochenem Deutsch fragte: „Ah, Sie suchen nach etwas äääh ökonomischeren?“ (Im spanischen wird „billig“ auch gerne als „economico“ umschrieben). Wir bejahten und ließen uns von ihm den Weg zur einzigen Jugendherberge beschreiben. Wir liefen und liefen und fanden irgendwann im letzten Winkel eine Jugendherberge. Als wir jedoch auf die Uhr schauten bemerkten wir, dass wir vom Ort aus etwa eine halbe Stunde gelaufen waren und das durch einen nachts unbeleuchteten Wald. Nein danke, dachten wir uns und machten uns zurück zu unserem deutschsprachigen Freund. Dieser nahm uns freudig auf und machte uns sogar noch einen Rabatt von 40 Pesos. Das Zimmer war seinen Preis tatsächlich wert und wir schliefen seit langem mal wieder ungestört durch.

Vorher besuchten wir allerdings noch den kleinen Ort, schließlich hatte man uns Schwarzwälder Kirschtorte versprochen. Schon im ersten Cafe sahen wir dick und fett „Strudel“ angeschrieben und langten zu – und wurden bitter enttäuscht. Es sah nur entfernt aus wie ein Apfelstrudel und schmeckte unglaublich fad. Als wir durch die Straßen des kleinen Orts marschierten mussten wir durchgehend grinsen. Aus jedem Lautsprecher tönten deutsche Heimatmelodien mit Apres-Ski-reifen Texten. Am Abend gingen wir noch nett ein Käsefondue essen, das uns nicht ganz so sehr enttäuschte wie der Strudel.

Doch am nächsten Tag sollte es noch kurioser werden. Wir verabschiedeten uns von dem, wie wir inzwiscehn erfahren hatten, polnischstämmigen Besitzer und dessen brasilianischer Frau und fuhren mit dem Bus 1h in das autofreie Dörfchen La Cumbrecita. Und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Aufgezogen wie in einem Vergnügungspark standen dort Fachwerkhäuser und jedes Restaurant warb mit „Goulash con Spatzle“. Den Vogel schoss allerdings das Haus des Gambrinius ab, ein „echtes alpines Abenteuer“. Im Inneren erwartete den Besucher Werbung für den kleinen Kletter- und Erlebnispark von Gambrinus, einem Hobbit-ähnlichen Menschen mit übergroßer, warzenübersäter Nase, rostfarbenen Bart und Haarbüscheln und einem Bierkrug in der Hand. Lachend fuhren wir mit dem Bus wieder zurück nach Cordoba um auf unseren Bus nach Mendoza zu warten. Die Wartezeit versüßten wir uns mal wieder mit einem Fußballspiel. Diesmal stand Argentinien gegen Uruguay auf dem Programm. Es war mit Abstand das spannendste Spiel des ganzen Copa und Argentinien wurde von einem würdigen Gegner aus dem Turnier geschmissen.

Die restliche Zeit in Mendoza verbrachten wir mit dem Besuch einer Wein Promotion-Veranstaltung neben dem Museum für zeitgenössische Kunst. Dort wurde von der Regierung argentinischer Wein angepriesen – wir verstanden von dem Vortrag des lokalen Winzers jedoch kaum etwas (wer versteht schon die spanischen Fachwörter der Winzer?!?) und schlürften einfach in Ruhe die Gratisproben des Schaum- und Weißwein die ausgeteilt wurden während der Winzer seinen Vortrag hielt. Von den vier Rotwein-Tetrapacks die uns geschenkt wurden (schließlich muss man ja alles mal probiert haben :D ) verschenkten wir einen an ein amerikanisches Pärchen auf dem Weg zum Busbahnhof und einen an den Besitzer unseres Hostels. Dieser bekam einen Lachanfall, denn Wein im Tetrapack kommt in Argentinien fast schon einem Verbrechen gleich. Jedoch hatte Chris schon alle Weinproben von Lara trinken müssen und weigerte sich jetzt auch noch vier mal 350 Mililiter Rotwein alleine zu verdrücken :)

Kurztrip nach Cordoba

Für diese Busfahrt in die Berge Argentiniens buchten wir uns zum ersten Mal in die teuerste Klasse, Cama Suite, ein. In dieser Klasse kann man seine Sitze komplett zurücklehnen und ein Fußteil ausklappen, sodass man fast waagerecht liegen kann. Wir kamen frühmorgens in Mendoza an, hatten aber das Glück, dass unsere zwei Betten im 4er-Dorm nicht belegt waren und wir somit noch ein wenig schlafen konnten. Als wir uns am frühen Mittag zum ersten Mal auf den Weg in die Stadt begaben kam uns ein leicht abgefuckt aussehender Mann entgegen, der einen gehetzten Eindruck machte. Er fragte uns auf Englisch, ob wir die Uhrzeit hätten. Wir sagten sie ihm und er verwickelte uns in ein Gespräch. Als er hörte, dass wir aus Deutschland sind fing er mit ganz leichtem Akzent an deutsch zu reden und erzählte uns, er sei aus Belgien und an diesem Morgen in Mendoza angekommen. Als er Geld aus dem ATM ziehen wollte sprühte ihm von hinten jemand etwas ins Gesicht und raubte ihn komplett aus. Jetzt sei er auf der Suche nach einem Hostel, das ihn für eine Nacht aufnehmen würde bis am nächsten Tag, einem Montag, die Botschaft wieder aufhätte. Wir erklärten ihm hilfsbereit, dass er sich als Belgier wahrscheinlich an die deutsche Botschaft wenden müsse und das diese eine 24h-Hotline hätte. Doch er wischte alle unsere Vorschläge beiseite und wurde immer hektischer. Am Ende fragte er uns, ob wir ihm nicht mit 10 oder 20 Pesos aushelfen könnten damit er wenigstens etwas frühstücken konnte. Wir verneinten dies eisern denn wir hatten am Vortag fleißig den Mendoza-Artikel auf wikitravel gelesen wo vor genau diesem Mann gewarnt wird. Er sei ein Einheimischer der sich seit Jahren mit dieser Masche durchmogelt.

Ansonsten machten wir in Mendoza erstmal wirklich nichts denn a) war es saukalt (um die 0 Grad) und b) kam Laras Erkältung nun richtig zur Entfaltung. So verbrachten wir eineinhalb tage komplett im Bett und unterhielten uns mit unseren Zimmergefährten, einem französisch-tschechischen Paar aus Irland. Am dritten Tag wollten wir dann wenigstens noch die heißen Thermen von Cacheuta besuchen um die Pleite von Roque wiedergutzumachen. Reingefallen. Im Sommer sind die Bäder vielleicht ganz nett doch da kein Teil des Bades überdacht sondern im Winter nur notdürftig von einem Zelt bedeckt wird, dessen Wände zum Teil Löcher hatten, war es auch dort eiskalt. Trotzdem sind die Bäder auch im Winter ein beliebtes Ausflugsziel für die Argentinier und so war es zusätzlich auch noch brechend voll und wir mussten um einen Platz im heißen Wasser kämpfen. Enttäuscht verließen wir das Bad schon nach einer Stunde und fuhren zurück in unser Hostal wo unsere Bettnachbarn uns von einer seltsamen Begegnung mit einem ausgeraubten Belgier berichteten der angeblich gestern (also einen Tag später als er uns erzählte) total ausgeraubt wurde :D

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  • Wo wir waren

  • Wo wir sind

    Wir sind wieder zurück in Deutschland .
  • Kuriositäten

    So geschehen am 11.02.2011 auf der Busfahrt von Mandalay nach Bagan
    Wir sitzen gerade während einer Fahrpause mit einem französischen Pärchen bei einer Tasse Tee, als sich der gut gekleidete Burmese neben uns an Lara wendet: "Excuse me, is this man Elvis Presley?" Er zeigt dabei auf Chris und scheint es völlig ernst zu meinen. Als wir seine Frage verneinen bedankt er sich höflich und wendet sich verwirrt wieder seinem Tischnachbarn zu. Fünf Minuten später fragt er Chris verschüchtert, ob er ein Photo von ihm machen darf.
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