Die chilenische Stadt der Dichter – Santiago de Chile

Der Flughafen in La Paz ist der höchstgelegene, internationale Flughafen der Welt und darf wegen der geringen Dichte der Luft nur von besonderen Maschinen angeflogen werden. Die Lande- und Startbahnen sind darüber hinaus auch noch länger als gewöhnlich, denn die Flugzeuge benötigen länger um genug Auftrieb für den Start zu bekommen. Trotzdem konnten wir den Flug von La Paz nach Santiago de Chile ohne Probleme in unsern LAN-Pass miteinbauen und so fuhren wir am 27.06. ein letztes Mal mit dem Colectivo durch die Straßen von La Paz zum Flughafen. Als unsere kleine Maschine wackelnd abhob genossen wir noch einmal den Blick auf die Cordillera Real, das Hochplateau der Anden und den Titicacasee der sich bis zum Horizont erstreckte wo die Sonne langsam versank.

Nach nur einer Stunde Flug landeten wir in Iquique, einer kleinen Stadt im Norden Chiles, wo wir seltsamerweise aus dem Flugzeug aussteigen und nach Chile einreisen mussten um dann wieder ins selbe Flugzeug einzusteigen um die 2. Etappe anzutreten. Wir landeten etwa um 22.30 Uhr im dunklen Santiago de Chile und fanden sofort unseren zuvor gebuchten Shuttle-Service in die Stadt. Schon vor 2 Wochen entschieden wir uns dazu, in Santiago mal etwas Neues auszuprobieren: Couchsurfing. Couchsurfing ist eine Art Internet-Community in der Leute ihre Couch anbieten, sich also dazu bereiterklären, weltoffene Reisende wie uns bei sich aufzunehmen. Obwohl wir schon seit Ewigkeiten beim Couchsurfing angemeldet sind hatten wir es bisher nie geschafft – doch jetzt war unsere Zeit gekommen.

Der Shuttle-Service setzte uns direkt vor dem Apartment ab, in dem unser Gastgeber Marco wohnt. Unten im Foyer wurden wir vom Nachtwächter erstmal kritisch gemustert aber als wir erklärten, dass wir zu Marco wollten, erhellte sich sein Gesicht und er wusste Bescheid. Scheinen wohl öfter Leute mit großen Rucksäcken nach Marco zu fragen. Im 6. Stock klingelten wir an seiner Tür und schwupps waren wir auch schon drinnen, hatten ein Zimmer mit Schlafcouch, frischem Bettzeug und einen Haustürschlüssel. Außer Marco hieß uns noch Attila willkommen, ein sehr erfahrener Couchsurfer aus Ungarn. Wir unterhielten uns fröhlich ein paar Stunden bis wir uns so gegen halb 3 geschafft vom Tag auf unsere Schlafcouch kuschelten. Es war verrückt zu erfahren, dass in Santiago de Chile, der Hauptstadt Chiles, 40% aller Chilenen leben. Die restlichen verteilen sich auf die tausende Kilometer lange Küstenlinie auf der westlichen Seite Südamerikas.

Als wir uns am nächsten Morgen so gegen 10 Uhr aus dem Bett begaben saßen die beiden schon wieder am Wohnzimmertisch und analyiserten fröhlich Attilas Liebesleben. Da wollten wir dann doch nicht stören und so verabschiedeten wir uns von Attila, der noch am gleichen Tag nach Valparaiso fahren wollte, und Marco und machten uns auf die Nahrungssuche. Da es ein Sonntag war erwarteten wir nicht, dass unsere Auswahl groß sein würde und so setzten wir uns ins nächstbeste Restaurant 2 Ecken weiter – direkt an den Tisch neben dem gerade der Besitzer des Restaurants mit einer Freundin Kaffee trank. Die beiden sprachen uns gleich an und wollten wissen, was uns ins ferne Santiago führe. Nachdem wir ihnen unsere Geschichte erzählt hatten staunten sie, lobten unser gutes Spanisch und erzählten uns von all den Plätzen, die wir unbedingt besichtigen müssten. Wir sogen diese Informationen natürlich gierig auf, nicht nur, weil wir für Chile keinen Reiseführer hatten sondern auch weil die beiden einfach unglaublich sympathisch waren.

Nachdem wir bereits mindestens 1 Stunde mit den beiden gequatscht und dabei unser unglaublich leckeres Frühstück (endlich wieder richtiger Käse!!) vernascht hatten kam ein Freund der beiden vorbei, el poeta – der Dichter. Um ehrlich zu sein wirkte der Gute auf uns ein bißchen wie ein verwirrter Professor denn er wechselte ständig das Thema, suchte jedes Wort, das er sprach sorgfältig aus und geriet fast außer sich vor Ekstase als ein kleiner Käfer über den Tisch krabbelte. Trotzdem war er sehr, sehr sympathisch und schenkte uns am Ende, nachdem er etwa 50% seiner eigenen Gedichte rezitiert hat, auch eine Ausgabe seines neusten Gedichtbands (es ist bereits das 7. Buch, das er veröffentlicht hat), mit persönlicher Widmung, versteht sich.

Sightseeing in Santiago

Ganz hin und weg verließen wir nach etwa 2 Stunden unseren sonnigen Tisch, bedankten uns brav für alles und folgten unserer Stadtkarte in Richtung Cerro San Cristobal, einem mitten in der Stadt gelegenen Hügel von dem man einen schönen Ausblick auf die smokverhangene Stadt hat. Wir fuhren mit der Funicular, einer Bergbahn, hinauf, besichtigten die für Südamerika obligatorische Marienstatue auf dem Gipfel und schlenderten dann langsam wieder hinab. Nachdem wir noch kurz die Innenstadt rund um den Plaza de Armas abgecheckt hatten suchten wir uns den Weg „nach Hause“ und stellten zum ersten Mal fest, wie zentral wir eigentlich wohnten – gerade mal 10 min zu Fuß zum Zentrum.

Am nächsten Morgen stand für uns das Museo Historico Nacional de Chile auf dem Programm, das die Geschichte Chiles bis zum Militärputsch 1973 reflektierte. Leider waren die Exponate ausschließlich auf Spanisch erklärt und so schlenderten wir hauptsächlich langsam durch die Räume. Danach führte uns unsere Geschichtstour zum Palacio de la Moneda, dem Präsidentenpalast wo man angeblich noch die Einschüsse vom Militärputsch sehen kann. Leider ist der Palast von Polizisten umgeben und so trauten wir uns nicht nah genug heran und für eine Tour hätten wir uns 2 Wochen vorher anmelden müssen. Schade, schade. Zur Entschädigung gönnten wir uns einen Kaffee in einem der interessanten Kaffeehäuser die uns schon am Vortag aufgefallen waren – sehr edel, aber nur Stehcafes. Der Capucchino war eher mittelmäßig und nach einiger Zeit fiel Lara auf, dass sie ja außer den Kellnerinnen mit auffallend kurzen Röcken die einzige Frau im Haus war. Als wir dann noch bemerkten, dass es zwar Männer- aber keine Frauentoiletten gab tranken wir schnellstens aus und flüchteten. Später erzählte uns Marco, dass diese Art von Cafe eine Art „Erotik-Lite” Version ähnlicher Cafes für Business-Leute war. Einige dieser Steh-Cafes bieten sogar Capucchino samt Oben-Ohne-Show an. Dabei hieß das unsere ganz konservativ „Cafe Haiti“ und wurde vorwiegend von Männern in Anzügen frequentiert die fröhlich in ihr Handy sprachen und Zeitung lasen – wer denkt da, dass diese Cafes ein Erotik-Schuppen in urkonservativem Outfit ist.

Für den Abend hatten wir uns mit Marco und dessen Freundin Kathi zum Essen verabredet – wir versprachen, ein typisches deutsches Essen auf den Tisch zu zaubern. Nun ja, das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Käsespätzle wären mit Nudeln statt Spätzle doch eher unkreativ gewesen, für Dampfnudeln fehlte uns der richtige Topf und ein Braten hätte ein bißchen zu viel Aufwand bedeutet – also fiel unsere Wahl ganz klassisch auf Schnitzel (wir verheimlichten natürlich, dass es in Wirklichkeit Wiener Schnitzel heißt!) mit Bratkartoffeln. Aber auch das war schwieriger als gedacht: Als wir nach Kalbsfleisch fragten schüttelte der Fleischverkäufer den Kopf, das Schweinefleisch war zu fettdurchzogen und ein Kalb ist ja auch nur ein junges Rind – also Rindfleisch. Paniermehl konnten wir auch nach mehrmaligen fragen und beschreiben nicht auftreiben. Irgendwann, so schien uns, hatten wir mal gehört, dass man Schnitzel auch mit Cornflakes panieren kann aber so ganz sicher waren wir uns da auch wieder nicht. Altes Brot stand uns nicht zur Verfügung also schien es uns die sicherste Lösung, Zwieback zu kaufen und diesen zu zerbröseln. Merke: Zwieback eignet sich nur bedingt zum Panieren, aber tut es in der Not auch! :D

Trotz der vielen Improvisation schien es Marco zu schmecken und er war besonders von der typisch deutschen Cola-Fanta-Mischung begeistert (obwohl die Fanta hier auch nicht so schmeckt wie zu Hause). Zum Nachtisch gab es Kaiserschmarrn (auch hier verheimlichten wir die wahre Herkunft) und bei dem gab es zum Glück nichts zu improvisieren und er schmeckte sogar uns. Den Rest des Abends verbrachten wir mit dem Austausch kultureller Bräuche, der Rockmusik unserer Länder und und und bevor wir die beiden wieder ihrem Unistoff überließen – schließlich schrieben sie am Ende der Woche Klausuren – und machten die Küche sauber bevor wir uns ins Bett stahlen.

Die moderne Geschichte Chiles in Kurzform

Für den nächsten Tag hatten wir eigentlich einen Ausflug ins nahe Valparaiso geplant aber da Chris einmal mehr von Durchfall geplagt wurde verschoben wir diesen Ausflug auf unseren nächsten Chile-Besuch und besuchten stattdessen La Casona, das alte Wohnhaus des berühmten chilenischen Dichters Pablo Neruda und dessen 3. Frau Matilde. Pablo Neruda war der 2. (und bisher letzte) chilenische Dichter, der einen Nobelpreis gewann und außerdem ein enger Freund des beliebten Präsidenten Salvador Allende. La Casona, eins von drei Häusern Nerudas in Chile, ist in Form eines Schiffes aufgebaut und diente als Rückzugsplatz der beiden Liebenden. Das Haus ist voller Geschichte(n) und die spanische Führung brachte uns einige dieser näher.

So versetzte es dem kranken Neruda „den Todesstoß“ als sein Freund, der frisch gewählte Präsident Salvador Allende ermordet wurde. Der Zustand des weltberühmten Dichters verschlimmerte sich so radikal als er von der Nachricht des Staatsstreiches hörte, dass seine Frau mit ihm in Haus am Meer – in direkter Nähe zum Krankenhaus – zog. Dort starb der Neruda dann auch kurze Zeit später. Erst vor wenigen Jahren wurde Neruda das Staatsbegräbnis zu Teil, welches dem ehemaligen Botschafter Chiles in Frankreich und dem Nobelpreisträger der Literatur gebührte.

Sein Freund Allende war Kommunist, jedoch in einer freien Wahl in den Präsidentenpalast eingezogen. Eines seiner ersten Schritte war es eine Regierung aller politischen Lager zu schaffen und so erhob er den konservativen General Pinochet zum Oberbefehlshaber der chilenischen Armee. Statt Allende in seiner parteiübergreifenden Regierung zu stützen plante er den Staatsstreich und umstellte den Regierungspalast mit Soldaten – mit Allende uns seiner Regierung darin. Noch während der Putsch im Land vorangetrieben wurde konnte Allende über den Staatsrundfunk zum chilenischen Volk sprechen. Doch es nutzte nichts und als das Militär mit geladenen Waffen Allende aufforderte den Regierungspalast aufzugeben, schickte dieser seine Mitarbeiter und Minister nach Draußen und nahm sich – als Letzter den Regierungspalast verlassend – mit einer Waffe das Leben auf den Stufen des Regierungspalasts. Die Pistole mit der er den Freitod beging hatte er skurrilerweise von Fidel Castro geschenkt bekommen.

Unser Abschied von Santiago fiel uns schwer, denn die Stadt hat ihren ganz eigenen Charme. Es fühlte sich nicht fremd an, wie Bolivien manchmal, sondern als Teil unserer heimatlichen Kultur. Dennoch gibt es einige Unterscheide, aber Santiago könnte im Großen und Ganzen auch irgendwo in Europa liegen. Nach unserem Reisen fühlte sich Santiago als ein Stückchen zu Hause an und das tat uns wirklich gut. Wir werden auf jeden Fall zurückkommen und Chile, dieses wunderbare Land noch besser kennenlernen. Fest steht: Chile ist ein Land der Natur und hat so einiges zu bieten, Santiago ist da nur ein kleiner Ausschnitt Chiles.

Die Finanzen in Chile

So richtig lange waren wir nicht in Chile – eigentlich haben wir neben dem Grenzstädtchen Arica ja nur Santiago de Chile gesehen und daher ist diese Statistik auch eher etwas für die „Städtemenschen“, die kurz von Argentinien nach Santiago hüpfen wollen und nicht mehr Zeit in Chile verbringen können, eben genauso wie wir. :)
Der Wechselkurs mit dem wir hier rechnen ist 650 chilenische Pesos zu einem Euro. Er ist wie immer etwas schlechter als der tatsächliche Kurs zu dieser Zeit. Die Übernachtungskosten sind durch unser Couchsurfing auch nicht wirklich repräsentativ.

  • Unterkunft: 27.500 Pesos → 42,38 Euro → 8,48 Euro
  • Transport: 30.037 Pesos insgesamt → 46,21 Euro → 9,24 Euro pro Tag
  • Essen und Trinken: 124.700 Pesos insgesamt → 191,85 Euro → 38,37 Euro pro Tag
  • Sonstiges: 9.750 Pesos insgesamt → 15,00 Euro → 3,00 Euro pro Tag
  • Einmalige Ausgaben: Flug von Santiago de Chile nach Buenos Aires für 225 Euro
  • Chile insgesamt: 295,44 Euro für zwei Personen und 5 Tage, also 59,09 Euro am Tag. Mit einmaligen Ausgaben 520,44 Euro also 104,09 Euro am Tag.

Der Steckbrief

  1. Zurückgelegte Strecke: nicht nennenswert diesmal :D
  2. Im Bus und Zug verbachte Zeit: ebenfalls nicht nenneswert…
  3. Verschiedene Stationen, an denen wir übernachtet haben: 2
  4. Im Land verbrachte Tage: 5
  5. Beste Unterkunft: natürlich die Couch von Marco :D
  6. Geknipste Bilder: 48
  7. Teuerste Sünde: unsere Koch-Session für Marco und der Zwieback, der in Chile tatsächlich genauso heißt und unter Delikatessen läuft :D
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Comments

  • Uwe aus Wiesbaden

    Jul 19th, 2011

    tststs… Lara macht Schnitzel und Kaiserschmarrn aus Zwieback und schon hat Chris Durchfall……
    Vor der nächsten Einladung zu Lara lasse ich mir den Speiseplan erklären. :)

  • Chris hat die Schnitzel gemacht! ehrlich! :) ich war fuer den kaiserschmarrn zustaendig..und der war ohne zwieback :D

  • Wo wir waren

  • Wo wir sind

    Wir sind wieder zurück in Deutschland .
  • Kuriositäten

    So geschehen am 11.02.2011 auf der Busfahrt von Mandalay nach Bagan
    Wir sitzen gerade während einer Fahrpause mit einem französischen Pärchen bei einer Tasse Tee, als sich der gut gekleidete Burmese neben uns an Lara wendet: "Excuse me, is this man Elvis Presley?" Er zeigt dabei auf Chris und scheint es völlig ernst zu meinen. Als wir seine Frage verneinen bedankt er sich höflich und wendet sich verwirrt wieder seinem Tischnachbarn zu. Fünf Minuten später fragt er Chris verschüchtert, ob er ein Photo von ihm machen darf.
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